Neben den Jassteppichen liegen jetzt in Landbeizen Würste auf den Tischen – der Siegespreis des Ramsens. Bei diesem Jass zählen nicht Punkte, sondern Stiche. Gestichelt wird auch sonst: Sprüche gehören dazu, wie ein Besuch im Rössli bei Riggisberg zeigt.
Die Regeln Trumpf ohne Bauer. Ramsen ist ein besonderer Jass mit französischen Karten. Gespielt wird ohne die 6. Jeder Mitspieler erhält fünf Karten. Die oberste des Blindpakets bestimmt den Trumpf. Es gelten die «Obenabe»-Regeln, auch beim Trumpf (kein Bauer, kein Nell). Der zweithöchste Trumpf ist immer die Ecke 7, das Bälli. Man kann es zu einem beliebigen Zeitpunkt ausspielen. Wer schlechte Karten erhält, kann mit dem Blindpaket jassen oder die Runde aussetzen. Der Ausspieler muss mit dem Trumpf-Ass beginnen, sofern er es besitzt. Bei der zweiten Stichrunde muss man – soweit möglich – mit Trumpf beginnen. Leihhalten ist Vorschrift, wer es nicht kann, muss trumpfen, sofern er Trumpfkarten hat. Gezählt wird nur die Anzahl der Stiche. Wer zuerst 21 Stiche erreicht, erhält eine Wurst, der zweite mit 21 Stichen ebenfalls eine. Die Würste kaufen die Mitspieler gemeinsam. Wer in einem Durchgang keinen Stich macht oder versehentlich abhebt, bezahlt eine kleine Busse. Am Schluss können die Spieler das Bussengeld verteilen oder damit das Getränk bezahlen. Vier Jasser sitzen um den Tisch. «Hesch ke Trumpf?», neckt Hans Bettler. «Wenn du mir ein solch schlechtes Spiel gibst!», antwortet Samuel Rentsch mit gespielter Entrüstung. Zu den Karten fliegen auch Worte, die vier Rentner sticheln, parieren, scherzen. Denn beim Ramset geht es nicht todernst zu. «Es hat gar nicht so viel mit Jassen zu tun», meint Fritz Däppen. «99,9 Prozent ist Glück.» Im Restaurant Rössli im Weiler Hasli hoch über Riggisberg ist es warm. Gejasst wird an mehreren Tischen, doch an diesem Nachmittag stehen nur bei zwei Runden Würste neben dem Jassteppich. Dort ist Ramsen angesagt. Wer am schnellsten 21 Stiche schreiben kann, hat eine Wurst zugut. Punkte werden nicht gezählt, und auch sonst gelten beim Ramsen einige spezielle Regeln (siehe Kasten). «I ha de no ds Bälli», sagt Hans Bettler mahnend und heimst den letzten Stich des Durchgangs ein. Denn die Ecke 7 heisst Bälli und ist immer die zweithöchste Trumpfkarte. Von weit her zum Ramsen «Am Sonntag hatten wir viele Ramser hier», sagt Peter Marti, Wirt und Besitzer des Rössli. Auch abends füllen sich in der Altjahrswoche Gaststube und Nebenräume. «Es kommen Gäste aus der ganzen Region, von Belp bis Wattenwil. |
Sogar eine Gruppe von Biel war schon da.» Kein Wunder, denn Ramsen ist im Berner Mittelland nicht so stark verbreitet wie etwa im Emmental und im Oberaargau, wo der Altjahrsjass in den Beizen vieler Dörfer gespielt wird. Zwei Frauen und ein Mann sitzen an einem andern Tisch und sind ebenfalls am Ramsen. «Seit mein Mann gestorben ist, bin ich allein. Da muss ich etwas unternehmen», erzählt Klara Häuselmann. Die 88-Jährige ist als Wirtstochter im Rössli aufgewachsen und jasst wahrend des Jahres in der Witwenorganisation von Riggisberg. «Leider habe ich nun keine Wurst herausgejasst», bedauert sie. «Wir laden dich dann ein, wenn wir unsere Würste essen», verspricht das Ehepaar, das mitgespielt hat. Bei den vier Pensionierten fallen weiterhin Sprüche. «Du weisst wieder nicht, wie hoch du stechen willst», tönt es aus der einen Ecke. «Da hast du ein schönes Spiel in der Hand und machst trotzdem nichts», klagt ein anderer. «Ich gebe nochmals Trumpf», ruft Jakob Lüthi. «Und noch einmal.» Fritz Däppen freut sich für einmal, dass er bei dieser Runde ausgesetzt hat. Auf der Jasstafel reihen sich die Striche wie lange Gartenzäune aneinander. Dreizehn Würste hat der Wirt bereits auf den Tisch gelegt. «Keine Angst, die gehen schon weg», sagt Samuel Rentsch schmunzelnd. Über 400 Würste Die Würste – es sind Dauerwürste aus Schweins- und Rindfleisch – bezieht der Rössli-Wirt vom Metzger. Doch den Endgeschmack erhalten sie in einem kleinen Speicher neben dem Restaurant. Dort räuchert Peter Marti die Würste noch mindestens einen Monat. Im Erdgeschoss steigt feiner Rauch aus dem glimmenden Sägemehl, unter dem Dach der geschwärzten Räume hängen über 200 Würste. «Etwa gleich viele haben wir im Haus. Den grössten Teil verkaufen wir fürs Ramsen.» Fritz Däppen legt eines der Zehnrappenstücke, die neben ihm auf dem Tisch liegen, auf ein Häufchen. Denn wer keinen Stich macht, muss bezahlen. So auch, wenn er abhebt, weil ihm der Mitspieler die gemischten Karten listig hingelegt hat. Abheben ist beim Ramsen verboten. Das gesammelte Kleingeld verteilen die vier am Schluss gleichmässig unter sich auf. Als Dessert eine Wurst essen «Seid ihr dabei?», fragt Jakob Lüthi seine Gegenspieler, nachdem er seine fünf Karten durchgesehen hat. «Ich möchte schon helfen», stöhnt Samuel Rentsch. «Aber die geben einem ja Karten, damit könnte man ein ganzes Heimetli verspielen.» Die Sprüche lockern die Jassatmosphäre im Rössli auf. «Ramsen darf man nicht so ernst nehmen, jeden-falls nicht bei uns», erklärt Hans Bettler. Und was tun die vier Männer, wenn sie ihr Spiel beendet haben? «Dann essen wir noch eine Wurst oder zwei, bevor wir heimgehen.»
Von Herbert Rentsch. Aktualisiert am 29.12.2010
|